H.- Günter Heidens Blick ist auf Inklusion gerichtet

HGHMein Name ist H.- Günter Heiden. Ich bin Jahrgang 1953, hörbehindert und lebe als Freier Publizist in Berlin. Meine erste Begegnung mit der Inklusion, ohne dass ich damals wusste, was das bedeutet, fand im Jahr 1989 in einer Badewanne im Kölner Westen statt. Im heißen Wasser liegend, wollte ich mir den brandneuen "Americans with Disabilities Act- ADA" in der Originalfassung durchlesen, eine reine Frage der Zeitökonomie eigentlich - damals arbeitete ich als Chefredakteur der Zeitschrift LEBEN UND WEG beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK). Ich merkte nicht, wie das Wasser kalt wurde, da es mir beim Lesen heiß wurde: Nichtdiskriminierung, Bürgerrechte und zwar per Gesetz - das war es!

Eine deutsche Übersetzung des ADA musste her und eine Veranstaltung organisiert werden. Die fand wenige Monate später statt und aus den Vortragenden bildete ich einen losen, verbandsübergreifenden Zusammenschluss von Personen, den "Initiativkreis Gleichstellung Behinderter", aus dem einige Jahre später das NETZWERK ARTIKEL 3 - Verein für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter hervorging.

Der Begriff "Inklusion" tauchte natürlich auch noch nicht im "Düsseldorfer Appell" aus dem Jahr 1991 auf, den der Initiativkreis auf der REHA-Messe in Düsseldorf veröffentlichte: Wir wollten damals eine Grundgesetzergänzung und die Schaffung eines deutschen "ADA". Die Verfassungsergänzung schafften wir mit vereinten Kräften im Jahr 1994, das Behindertengleichstellungsgesetz dauerte noch bis 2002. Im gleichen Jahr begann man in New York bei den Vereinten Nationen über eine neue Menschenrechtskonvention zu verhandeln, in der "Inklusion" eine zentrale Rolle spielen sollte.

Ich gestehe, dass ich diese Anfangsjahre der Konvention etwas "geschlabbert" habe, doch als ich selber als Assistent in den Jahren 2005 und 2006 in den "Katakomben" der Vereinten Nationen bei den Verhandlungen teilnehmen durfte, packte es mich erneut: Vor allem bei den heißen Diskussionen über die "inclusive education". Der Vorsitzende des Ad-Hoc-Ausschusses bei den UN, der Neuseeländer Don McKay, meinte damals sinngemäß: Wenn dieser Artikel gut wird, dann wird es die ganze Konvention. Er sollte Recht behalten - der Artikel wurde gut, die Konvention wurde gut.

Doch was machte die Bundesregierung? Eine weichgespülte deutsche Textfassung der Konvention entstand, in der als trauriger Höhepunkt "inclusive education system" als "integratives Bildungssystem" übersetzt wurde. Kein Wunder, dass sich das NETZWERK ARTIKEL 3 an eine Schattenübersetzung machte, die mittlerweile zehntausendfach verbreitet ist und wohl mit dazu beigetragen hat, dass im offiziellen deutschen Text der Konvention zwar immer noch "integrativ" steht, aber mittlerweile alle in der Republik von "Inklusion" reden. Manchmal wird mir das ein bisschen zu viel, da ich den Eindruck habe, dass der Gehalt des Begriffs nur auf den Bereich der Schule reduziert und nicht wirklich verstanden wird und man ein modernes Etikett auf die gleiche aussondernde Praxis geklebt hat. Denn wenn "Inklusion" nicht durch eine menschenrechtliche Herangehensweise in allen Lebensbereichen verwirklicht wird, ist es lediglich "alter Wein in neuen Schläuchen".

Deshalb war es mir im Jahr 2011, ein Jahr, in dem der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung unter dem irreführenden Titel "Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft" erschien und der erste Staatenbericht der Bundesregierung in Genf abgeliefert wurde, ein Anliegen, eine Allianz der Zivilgesellschaft zur Erstellung eines Parallelberichts ins Leben zu rufen. Zu Beginn hoffte ich auf rund 30 Organisationen, die ich gewinnen wollte - daraus wurden dann fast 80, die als BRK-Allianz den Stand von Menschenrechten, von Inklusion, Partizipation und Selbstbestimmung in Deutschland vor die Vereinten Nationen brachten.

Der zuständige Fachausschuss der UN nahm diesen Parallelbericht der deutschen Zivilgesellschaft neben dem Staatenbericht der Bundesregierung sehr ernst, wie wir vor Ort in Genf erlebten. So haben die "Abschließenden Bemerkungen" des UN-Fachausschusses vom April 2015 mich bekräftigt, dass der von uns eingeschlagene Weg richtig war. In der deutschen Übersetzung der Bemerkungen heißt es dort an mehreren Stellen schon "Inklusion" und nicht mehr "Integration". Doch noch ist das alles bedrucktes Papier. Um wirksam zu werden, brauchen wir noch viele Botschafterinnen und Botschafter mit langem Atem für gelebte Inklusion.

Mittlerweile arbeite ich, neben meiner freiberuflichen Tätigkeit als Publizist, als Sozialwissenschaftler an einer Hochschule. Auch dort ist mein Arbeitsschwerpunkt in Forschung und Lehre die UN-Behindertenrechtskonvention. Frappiered ist es allerdings, die Unverfrorenheit mancher Behörden in Sachen Inklusion zu erleben - doch wir versuchen, dem in wissenschaftlichen Stellungnahmen zu begegnen. Böses Beispiel: Einem Menschen mit Behinderung, der eine Selbsthilfegruppe besuchen will und dafür Finanzierung seiner Assistenz benötigt, wird entgegengehalten, das könne nicht finanziert werden, da es ja nicht "inklusiv" sei - die Behinderten wären ja nur "unter sich". Welch eine Pervertierung des Inklusionsbegriffes! So wird "Inklusion" als Kampfbegriff gegen behinderte Menschen gewandt und als Sparmodell umgesetzt.

Deshalb werde ich auch als Inklusionsbotschafter nicht müde, zu betonen, dass "Inklusion", die nicht menschenrechtsbasiert ist, keine Inklusion ist. Und falls ich doch ab und zu einmal müde werden sollte, hilft vielleicht mal wieder ein aufmunterndes Bad...

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