Jennifer Sonntag: Blind auf Augenhöhe

Mein Name ist Jennifer Sonntag. Ich bin blinde Sozialpädagogin, Autorin und Moderatorin. Geboren bin ich am 14. Februar 1979 in Halle an der Saale und im Raum Halle/Leipzig lebe und wirke ich auch noch heute. Mein berufliches Zuhause war in den letzten 16 Jahren die "Sensorische Welt" des Berufsförderungswerkes für Blinde und Sehbehinderte. Innerhalb meiner Dunkelführungen klärte ich interessierte Besucherinnen und Besucher über die Lebenswelt blinder Menschen auf und arbeitete daran, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen.

Die Vermittlung angemessener Umgangsformen für eine Begegnung auf "Augenhöhe" war mir dabei stets ein wichtiges Anliegen. Als besonders bereichernd erlebte ich die Arbeit mit meinen blinden und sehbehinderten KursteilnehmerInnen, da auch ihre Sichtweisen mich immer wieder zu neuen Denkanstößen bewegten. Zur Selbstwahrnehmung und Selbststärkung Mitbetroffener entwickelte ich deshalb einen am Beratungsansatz des Peer Counselings orientierten Imagekurs. Gern unterstützte ich Ratsuchende im Hinblick auf zukünftige Bewerbungssituationen dabei, ihr Selbstbild realistisch zu reflektieren und ihre Behinderung wertschätzend zu kommunizieren.

Ich bin sehr dankbar dafür, auch mit meinen Publikationen auf die Situation von Menschen mit Behinderungen aufmerksam machen zu können. In meinem Buch "Verführung zu einem Blind Date" beantwortete ich die am häufigsten gestellten Fragen, rund um den Erblindungsprozess, aus sozialpädagogischer und autobiografischer Sicht. Durch meine authentischen Texte war es mir möglich, Brücken zwischen Sehenden und Nichtsehenden zu bauen und Betroffene auf dem Weg der Erblindung mit einem "Augenzwinkern" zu begleiten. Darüber hinaus war es mir auch immer ein großes Bedürfnis, andere blinde Frauen zu Wort kommen zu lassen. Mit meiner Anthologie  "Hinter Aphrodites Augen" konnte ich insgesamt 25 Schreibende dazu ermutigen, ihren ganz eigenen Schönheitsbegriff zu definieren und sich mit dem weißen Langstock auf den persönlichen roten Teppich zu begeben. "Den Blindenstock salonfähig machen" war der mitreißende Leitsatz meiner Mitautorin Marlis Reinhardt, der für uns alle zum Mutmacher wurde.

Es ist mir wichtig, mich als blinde Frau bewusst auch zu den Themen Schönheit und Erotik zu bekennen. Neben meinen sozialpädagogisch gefärbten Veröffentlichungen widme ich mich immer wieder erotischer Literatur, um zu zeigen, dass Behinderung eben nicht "Unisex" ist, wie es uns jedes öffentliche Behinderten-WC leider noch immer verkündet. Da gibt es kein männlich oder weiblich, da sind wir ein Neutrum. Ich unterstütze die weibliche Identitätsbildung insbesondere bei Frauen mit Behinderungen und bediene mich selbst hierfür auch der erotischen Kunst und Kultur.

Kulturelle Teilhabe ist mir generell ein großes Anliegen, denn Kultur ermöglicht oft dort Begegnung und Bewegung, wo sich andere "Kompetenzen" noch vor dem bösen I-Wort fürchten. Selbst schwierige Kontexte werden oft als kreative Herausforderung gesehen. Vielfalt erlebe ich hier nicht als Begrenzung, sondern als Inspiration und Bereicherung, als Mehrwert für alle. Teilhaben bedeutet für mich als Inklusionsbotschafterin jedoch auch, sich selber einzubringen, Teil zu sein, mitzumachen. Deshalb gehöre ich zu den begeisterten Mitinitiatorinnen inklusiver Ausstellungskonzepte, wie etwa bei der bundesweit erfolgreichen Wanderinstallation "Die Schönheit der Blinden", die es 2016 sogar auf die Pariser "Fashion Week" schaffte.

Ich wünsche mir sehr, dass Menschen mit Behinderungen irgendwann einmal nicht mehr nur selbstbestimmt, sondern auch selbstverständlich sind, auch in unserer Medienlandschaft. Seit 2008 moderiere ich deshalb für die Sendung "Selbstbestimmt! – Leben mit Behinderung" des MDR-Fernsehens das Promi-Talkformat "SonntagsFragen". Über 70 prominenten GesprächspartnerInnen durfte ich bereits blind begegnen und mir ein Bild durch Worte erarbeiten. Als Blinde ausgerechnet ein visuelles Medium zu bedienen, ist für mich ein interessanter Gegensatz. Das Resultat selbst nicht sehen zu können, war nicht immer leicht. Selbstbestimmung ist für mich auch, Informationen barrierefrei recherchieren zu können, Interviewfragen, auch aus der Sicht einer Nichtsehenden, zu erarbeiten, Moderationskarten in Braille zu übertragen und mir meine Outfits selbst vor dem inneren Spiegel zusammen zu stellen. Ein wichtiger inklusiver Ansatz ist dabei, GesprächspartnerInnen dazu einzuladen, gewohnte Denkräume zu verlassen und sich dem Anderssein zu öffnen. Oft bleibt die Erkenntnis, dass ohnehin jeder anders anders ist.

Dass es gerade die unterschiedlichen Sichtweisen sind, die ein blindes Verstehen überhaupt möglich machen, möchte ich mit meiner Plattform www.blindverstehen.de verdeutlichen. Dort schaffe ich Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen und lade wechselseitig zu Bereicherung und Entwicklung ein. Mein Credo: Das Leben ist so vielfältig, wie die Perspektiven, aus denen man es betrachtet und dabei mischen die unterschiedlichen Sichtweisen die Farben der Wirklichkeit.

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Internet: www.blindverstehen.de