Jessica Mohr macht Mode auch für Blinde begreifbar

Mein Name ist Jessica Mohr und ich bin 32 Jahre alt. Ich bin in Magdeburg aufgewachsen und habe dort auch mein Abitur abgelegt. Mitten in der Pubertät bekam ich meine Diagnose Retinopathia pigmentosa. Nun ja, dank meines guten Gedächtnisses und Hör-Merk-Vermögens kam ich im normalen Gymnasium noch größtenteils ohne besondere Unterstützung zurecht. Mein Bachelorstudium "International Management" in Flensburg gestaltete sich schon schwieriger, und ich bemühte mich mit den verschiedenen Kostenträgern darum, mir eine individuelle Ausstattung zusammenzustellen, um am normalen Studienbetrieb teilzunehmen. Das ich das geschafft habe, zeigt mein erfolgreicher Abschluss und meine Fortführung des Studiums mit dem Master of Science in Management in Magdeburg. Parallel habe ich dort auch den Master of Arts in European Studies gemacht.

Von nichts kommt nichts. Mein Berufseinstieg gestaltete sich dann allerdings wesentlich schwieriger als das Studium. Ein Jahr erfolgloser Suche in Freiburg führten mich doch wieder zurück nach Magdeburg. Dort arbeitete ich zunächst drei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der internationalen Wirtschaft, wechselte dann jedoch in die Stadtverwaltung Magdeburg. Dort bin ich seit zwei Jahren im Bereich EU-Fördermittel zuständig für das Projektmanagement und die Finanzen. Natürlich ist es meine Aufgabe, bei allen Projekten insbesondere auf die Barrierefreiheit zu achten und diese zu sichern. Um auch in Magdeburg die Barrierefreiheit Stück für Stück voran zu treiben, nehme ich an der AG "Menschen mit Behinderungen" teil.

Neben diesen hauptberuflichen Aktivitäten bin ich schon seit vielen Jahren in der Pro Retina Mitglied und dort mittlerweile als Sozialberaterin ehrenamtlich in der Beratung tätig. Ganz besonders am Herzen liegt mir aber ein Modeprojekt, in das ich mehr oder weniger zufällig hineingestolpert bin. Vor etwa 5 Jahren kam ich in Kontakt mit einem Fotografen, der sich auch für blinde Modells und blinde KünstlerInnen interessierte. Seine Vorstellung war, eine Blindenmodenschau zu machen. Als ein blindes Modell war ich anfangs skeptisch, fand aber schnell meine Freude daran. Aus den Fotos von der Modenschau entstand eine Ausstellung und diese tourte dann durch verschiedene Städte im Osten Deutschlands, immer mit unserem ehrenamtlichen Engagement.

Die Idee dahinter ist, Mode nicht für Sehende optisch schön zu gestalten, sondern auch für Blinde "begreifbar" schön zu machen, also Brailleschrift auf Kleidung so zu sticken, dass Sehende diese Schrift auch als modisch und schön wahrnehmen. Konzerte im Dunkeln und Podiumsdiskussionen haben unsere Idee dem Publikum näher gebracht. Als Ergebnis der Netzwerkarbeit konnten wir während der Fashion Week in Paris 2016 unsere Kleider präsentieren (https://bildbeschreibungen.wordpress.com/die-schonheit-der-blinden/). Dieses Projekt weiter voranzutreiben und die Mode für die breite Öffentlichkeit, insbesondere alle Sehbehinderten und Blinden, bekannt und verfügbar zu machen, ist mir ein Herzensanliegen. Denn warum sollen Blinde nicht auch schön sein?

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