Jürgen Schmidt trägt die Inklusion in den Kreistag
Mein Name ist Jürgen Schmidt, ich bin 50 Jahre alt und verheiratet. In Folge einer Operation im Jahr 1965 bin ich querschnittgelähmt, das heißt, ich bin seit meiner Kindheit mit den Problemen vertraut, die ein Mensch mit einer Behinderung im Alltag begleiten.
Schon zu DDR-Zeiten habe ich versucht, im Rahmen der Möglichkeiten Einfluss auf bestehende Barrieren zu nehmen. Meine Schulzeit absolvierte ich in Sonderschulen für Körperbehinderte in Gotha und in Sülzhayn. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und dafür gesorgt, selbständig zu handeln und Gemeinschaft mit anderen behinderten Menschen zu erleben. Leider hat die Zeit in den Sonderschulen auch dazu geführt, dass wir ausgegrenzt von den anderen Mitschülern unseres Alters in einer "eigenen geschützten Welt" aufgewachsen sind, die wenig Raum für Begegnung und Kontakt zu den anderen Mitschülern bot.
Das bezieht sich auch auf die Berufsausbildung, die ich in einem Rehabilitationszentrum für Berufsbildung in Langenstein abschloss. Als ich dann nach der Lehre in meinem Heimatort eine Arbeit aufnahm und ein eigenständiges Leben begann, bekam ich die Auswirkungen der jahrelangen Internatszeit zu spüren. Es fiel mir anfangs schwer, auf andere Menschen zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Zu groß war meine Unsicherheit und es gab Barrieren in meinem Denken und Handeln, die es zu überwinden galt. Dabei habe ich große Unterstützung bei meiner Familie gefunden.
Gleich nach der Wende nutzte ich die Möglichkeit, einen Behindertenverband im Landkreis Eichsfeld zu gründen, in dem wir selbstbestimmt und eigenständig auf unsere Probleme aufmerksam machen konnten und Einfluss auf die Kommunalpolitik genommen haben. Dieser Verband ist auch heute noch sehr aktiv und hat die "Eichsfelder Tafel" in Trägerschaft.
Seit 1996 wohne ich in Wasungen. Ich bin Mitglied im Behindertenverband des Landkreises Schmalkalden-Meiningen und leite diesen Verband seit 2006. Es war mir immer wichtig, dass wir als Verband die Kontakte zu anderen Verbänden und Institutionen der Region pflegen, um die Fragen und Probleme der Behindertenpolitik nach außen zu tragen und einander auszutauschen. Deshalb sind wir als Verband auch in den Behindertenbeiräten der Stadt Meiningen und des Landkreises Schmalkalden-Meiningen tätig. Im Behindertenbeirat des Landkreises fungiere ich als stellvertretender Vorsitzender. Durch einen Freund, Maik Nothnagel, wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob ich nicht für den Kreistag kandidieren möchte. Die Fraktion DIE LINKE bot mir einen sehr guten Listenplatz, da ich als "Neueinsteiger" noch nicht den nötigen Bekanntheitsgrad hatte. Anfangs konnte ich mich mit dem Gedanken nur schwer vertraut machen. Ich besaß keinerlei Erfahrungen in den politischen Handlungsweisen und Abläufen. Aber es ist mir bereits aufgrund meiner Funktion als Vorsitzender des Behindertenverbandes bewusst geworden, dass ich bei wichtigen Entscheidungen immer abhängig vom Wohlwollen der Entscheidungsträger bin. Als Kreistagsmitglied, das ich nun bin, habe ich die Möglichkeit, Einfluss auf behindertenpolitische Fragen zu nehmen. Im Kreisentwicklungs- und Bauausschuss bietet sich mir die Möglichkeit, direkt auf die baulichen Barrieren eingehen zu können. Aber auch die Arbeit in den Kreistagssitzungen zeigt mir, wie sehr die Inklusion in alle Bereiche von Politik und Gesellschaft wirkt. Noch immer ist vielen nicht bewusst, dass Inklusion kein behindertenpolitisches Thema für sich ist, sondern alle Menschen der Gesellschaft einschließt und letzten Endes allen zu Gute kommt.
Schwerpunkte in meinem Handeln sind zum Beispiel der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern, die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die damit verbundene Entwicklung eines Aktionsplanes auf Landkreisebene sowie ein einkommens- und vermögensunabhängiges Bundesteilhabegesetz. Es liegt mir viel daran in unserem Landkreis (und wenn möglich darüber hinaus) Bedingungen zu schaffen, die eine selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen gewährleisten, unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft; die die Menschen nicht auf ihre Defizite reduziert, sondern ihre Stärken und Fähigkeiten fördert, zum Wohle aller! Das mag simpel und selbstverständlich klingen, doch der Weg bis dahin ist noch weit! Ich bin aber zuversichtlich, dass es sich lohnt, ihn zu gehen!
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