Sonja und Joscha Röder rödeln für Inklusion

Liebe Leser am anderen Ende des Briefes, ich bin Sonja (Röder), Jahrgang 1964, war in meinem früheren Leben im vorigen Jahrtausend mal Verlagspressesprecherin und Lektorin und lobpreisgekrönte Autorin. Zur Inklusionsbotschafterin gehört unbedingt Joscha, bald 13. Im Grunde genommen teilen wir uns den Job. – Wie das?

Der Pränataldiagnostiker nuschelt achselzuckend und schaut auf den Teppich: Machen’s weg, machen’s ein Neues. Ich bin seinem Rat-Schlag ins Gesicht, alle Angst beiseite, nicht gefolgt und habe es nie bereut. Joscha kam mit schweren Hirnanomalien auf die Welt. Sie besucht hauptberuflich sehr erfolgreich eine Gesamtschule; ansonsten ist sie Teilzeitautistin und motorisch eingeschränkt. Noch mehr eingeschränkt ist sie freilich durch unser noch sehr vertracktes System der Inklusion. Der Kampf um ihr Recht auf Förderung und Teilnahme ist zwei Dutzend Ordner lang, und ich frage mich immer, wie sie das ausgehalten hat: ständig begut- und oft auch beschlechtachtet worden zu sein. Ein Kind mit 100-prozentiger Behinderung, körperlich und geistig, das gehört doch klar auf eine Förderschule, nicht wahr? – Nein, eben nicht wahr. Joscha konnte lesen mit drei, perfekt, auch Sütterlin, lernte laufen mit vier und trug bei der Einschulung noch Windeln. Na und? – Sie hatte sich mit fünf autodidaktisch ein Cambridge-Zertifikat ergattert und musste dennoch in einem irrwitzigen AO-SF-Verfahren unter Beweis stellen, dass sie auf eine Regelschule durfte.

Was lernen wir daraus? – Inklusion gelingt. WIR sind es, die die Voraussetzungen dafür schaffen müssen. Und das bittschön nicht nur bei Kindern mit Inselbegabungen. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Jeder Mensch ist förderwürdig, nicht förderbedürftig. Allein schon sprachlich fängt es an, die UN-Konvention zur Integration Behinderter umzusetzen. Es geht um ein Recht, nicht um Almosen. Es geht um Anerkennung, Akzeptanz und Achtsamkeit.

Was tun, um es nicht bei leeren Vokabeln zu belassen? – 1. Ich versuche, andere zu unterstützen auf dem Weg durch den Behörden- und Paragraphendschungel. Bei der Suche nach Förderangeboten, bei der Beantragung eines Budgets, beim Finden von Schulen und Schulbegleitungen. Pflegekasse, MDK, Versorgungsamt, Sozialamt, Jugendamt und endlos so weiter: Das Leben von Behinderten und ihrer Angehörigen besteht im derzeitigen Entwicklungsstadium von Inklusion nach wie vor aus Formularen. Hilfe, schon wieder ein Antrag. - Allein beizustehen, den Mut nicht zu verlieren ist Sisyphus-Arbeit, individualisierter Art wohlgemerkt. - - - Was noch? – 2. Genauso, wie ich den Fokus auf die Stärken eines Menschen zu suchen setze und nicht auf seine sogenannten Defizite in Form von Abweichungen von der sogenannten Norm, lege ich Wert darauf, in der Öffentlichkeitsarbeit Beispiele gelingender Inklusion in den Vordergrund zu stellen. – Nein, in der Tat, es ist bei weitem nicht alles optimal, wir stecken bei der Einlösung der UN-Behindertenrechtskonvention noch in den Kinderschuhen.

Theresia Degener, die für die UN den Fortgang unter die Lupe nimmt, sagt: In Sachen Inklusion ist Deutschland noch Entwicklungsland, noch hinter Ghana. - Recht hat sie. Dennoch hilft es nichts, unausgesetzt Fälle des Scheiterns in der Presse anzuprangern. Sinnvoller erscheint es, Beispiele des Gelingens hervorzuheben, um eben deren Konditionen abzulesen und entsprechend begründete Forderungen herauszukristallisieren für andere. Für Behinderte, aber auch für ihr Umfeld. Ihre Leistung muss wahrgenommen und honoriert werden. - - - Und dann? – 3. Bildung, Bildung über alles, alles PISA-mal Daumen? - Inklusion ist mehr als gescheite(rte) Beschulung. Langfristig geht es um die Unterstützung integrativer Unternehmen. WIR können einen immensen Zuwachs an sozialer Kompetenz gewinnen, wenn wir kapieren, dass Behindertenwerkstätten nicht der Weisheit letzter Schluss sind, vor allem nicht, wenn die dort Arbeitenden immer noch den Status des Sozialschmarotzers haben: Ihre Arbeit nichts wert, die liegen uns doch nur übers Sozialamt auf dem Säckel. – So etwa der bisherige Tenor. – Wie wäre es, wenn die Menschen endlich anfingen, individuelle Kompetenzen im vermeintlichen Norm(al)bereich zuzulassen? – Will sagen: Auch außerhalb von Waschküche, Landschaftsgartenbau und Hilfskoch gibt es anspruchsvollere Stellen auf dem Ersten Arbeitsmarkt für Behinderte. Das altbackene „Wolle-mer-se-noilasse“ soll im möglichst baldigen Dereinst in Geschichtsbüchern stehen, als eine peinliche, aber überwundene Sünde aus grauen Vorzeiten. – Konkret, ein Beispiel: Ein online-Antiquariat, mit dem Angebot der Restaurierung von Büchern, von und mit Behinderten und Nichtbehinderten – warum nicht (endlich)? – Die Unterstützung privater, nicht institutioneller Initiativen erscheint mir durchaus noch ausbaufähig, smile.

Wir haben eine haltlose Geschichte der Missachtung von Menschen hinter uns, die in irgendeiner Art anders sind. Jetzt die frohe Botschaft: Inklusion wird sich, davon bin ich überzeugt, nach der UN-Behindertenrechtskonvention nicht mehr vermeiden lassen.

P. S. Auch ich bin behindert, nach einer deftigen OP wegen Aneurysmen und Angiom. Mit den Folgen aus medizinischer Hinsicht kann ich leben, so oder so. Ich fühle mich meiner Tochter über Umwege noch verbundener. Es sind die Nebenwirkungen im gesellschafts- und sozialpolitischen Bereich, die mir wie anderen zu schaffen machen. Fernab von aktuell modern gewordenen Kotzen-Nutzen-Rechnungen (!) im Rahmen des Glaubensbekenntnisses an den neoliberalen Kapitalismus, fernab des abhanden gekommenen Vertrauens in die Machbarkeit sozialer Verantwortung, gehe ich davon aus, dass es möglich ist, ein gelungenes Miteinander aller wie auch immer gearteten Menschen an Unterschieden in Geschlecht, Religion, Nation und Gesundheit vorbei umzusetzen. Puh, was für ein Satz!

Merke: Behinderungen sind kein Versagen, das Versagen von Hilfe zur Teilhabe ist das Behindern, das es zu verhindern gilt. Also, auf geht’s.

Euch Grüße von der anderen Seite des Briefes, gute Sorte!

Sonja

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Wer mehr erfahren will:

Ein Beispiel gelingender Inklusion: http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-morgenecho-westblick/audio-ringen-um-teilhabe-100.html - - -

Gelingende Inklusion: https://www.facebook.com/photo.php?v=889779051077505 - - -

Auch zu Pränataldiagnostik, Bundesteilhabegesetz u. v. m. https://www.facebook.com/gelingende.inklusion

Infos zu Autismus / Inklusion / Gründung eines integrativen Unternehmens: inklusionstattoutismus2.jimdo.com/